Büchertraum in St. Gallen

Am Alpsee

Das mit dem Camping und mir ist so ´ne Sache. In der ersten Nacht unseres letzten Campingausfluges an den Alpsee goss es in Strömen, es war kalt, alles war klamm wegen der hohen Luftfeuchtigkeit und die Geräusche, die durch die dünne Zeltplane unverfälscht zu uns hereindrangen, verhinderten einen erholsamen Schlaf. Ich lag eingepackt in meinem Schlafsack auf der Luftmatratze, fror und dachte: Was zur Hölle tust du hier eigentlich?! Aus dem Alter für Urlaub im Zelt bist du eindeutig raus!
In der nächsten Nacht lag ich in ebendiesem Schlafsack, auf der Luftmatratze mit einem Lächeln im Gesicht. Der Tag war sonnig und warm, wir waren im See schwimmen. Die Nacht war sternenklar und der Wind rauschte leise durch die Blätter der Bäume. Ich lauschte den Geräuschen des Campingplatzes: gedämpfte Stimmen im Wohnwagen neben uns, knirschende Schritte auf dem Kiesweg und am allerbesten – Kuhglocken, die von der nahegelegenen Weide herüber läuteten.

Alpsee
Alpsee

Zelten kann so schön sein. Ein gutes Beispiel dafür, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen.

St. Gallen

Von unserer Ausgangsstation am Alpsee haben wir nicht nur das Allgäu, sondern auch ein Stückchen der nahegelegenen Schweiz, genauer gesagt St. Gallen, erkundet. Unser Ziel dort war der Stiftsbezirk, der seit 1983 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört, und in diesem besonders die berühmte Bibliothek.

St. Gallen St. Laurenzen
St. Gallen – Blick auf Kirche St. Laurenzen

St. Gallen 4St. Gallen 3Schon in den Straßen der Altstadt, die zum Stiftsbezirk führen, sieht man alte Fachwerkhäuser, Malereien an Hausgiebeln und die für St. Gallen typischen Bürgerhäuser des 16. bis 18. Jahrhunderts mit ihren auffallend verzierten Erkern.

Der Stiftsbezirk selbst besteht aus der spätbarocken Stiftskirche und den um den Klosterhof errichteten Gebäudekomplexen. Der Klosterhof ist eine von Wegen durchzogene Rasenfläche, die von Stiftskirche (die seit 1824 Kathedrale, also Bischofssitz ist), Bischofsflügel, Neuer Pfalz und Zeughausflügel umschlossen wird.St. Gallen Kloster 2St. Gallen Kloster 4Da wir schon sehr früh am Morgen vor Ort waren, hatten wir den großen Platz fast ganz für uns allein. Wir schlenderten ein wenig an den hell gestrichenen Gebäuden entlang, betrachteten schon einmal die Stiftskirche von außen und fanden schnell eine gemütliche Bank, auf der wir im Sonnenschein unser zweites Frühstück futtern konnten.St. Gallen Kloster 3 Danach ging es weiter zum eigentlichen Ziel unseres Besuches: dem Barocksaal der Stiftsbibliothek, den wir uns im Rahmen einer öffentlichen Führung anschauen wollten (die öffentlichen Führungen sind im Eintrittspreis inbegriffen und finden nahezu täglich statt). Bevor wir den Saal allerdings betreten durften, mussten wir riesige Filzpantoffeln, zum Schutz des hölzernen Fußbodens, über unsere Schuhe ziehen. So schlurften und rutschten wir in den Bibliothekssaal, der ein Traum für alle bücheraffinen Menschen ist.

Die Decke des Barocksaales, der zwischen 1758 und 1767 erbaut wurde, ist mit Stuckarbeiten und Fresko-Gemälden verziert, welche die vier ersten ökumenischen Konzilien darstellen. An den Wänden stehen hölzerne Regale voll mit Büchern, die großen Bände auf den unteren Böden, die kleineren darüber. Früher wurden Bücher nämlich eher nach Größe und Gewicht als nach Themen sortiert. Auf halber Höhe des Saales läuft eine Empore rundum, auf der ebenfalls Bücherregale stehen. Der Intarsienfußboden knirscht und knarzt bei jedem Schritt. In der Saalmitte stehen mehrere Vitrinen, in denen mittelalterliche Handschriften ausgestellt sind, teilweise große Folianten mit kostbaren Verzierungen und gemalten Initialen (besonders ausgeschmückte Anfangsbuchstaben eines Kapitels oder Absatzes), teilweise winzig klein beschriebene Seiten eines Büchleins, dessen Außenmaß keine 10 cm beträgt.

Offizielles Pressebild Stiftsbibliothek St. Gallen http://www.stibi.ch/de-ch/kontakt/medien.aspx
Offizielles Pressebild (c) Stiftsbibliothek St. Gallen
http://www.stibi.ch/de-ch/kontakt/medien.aspx

Von dem Bibliotheksmitarbeiter, der die Führung hielt, erfuhren wir, dass die meisten Schreiber, die diese Handschriften erstellt haben, selber nicht lesen konnten. Sie „malten“ einfach nur die Vorlage ab. Er erklärte wie früher Pergament gemacht wurde und ging außerdem auf die Geschichte des Stiftsbezirks und der Bibliothek ein.
Die Stiftsbibliothek ist eine der größten und ältesten Klosterbibliotheken der Welt und dokumentiert die Arbeit des Klosters St. Gallen vom 7. Jahrhundert bis zur Aufhebung der Abtei im Jahr 1805. Da die Bibliothek seit mehr als 1200 Jahren besteht und konstant an einem Ort ist, verdeutlicht ihr Bestand die Entwicklung der europäischen Kultur in dieser Zeit.

Bibliotheken sind für mich immer ganz besondere Orte – so viele Bücher mit so viel Wissen auf einem Fleck. Wenn es dann auch noch so außergewöhnliche historische Sammlungen sind, die auch noch wunderbar anzusehen sind, dann schlägt mein „Bücher-Herz“ höher. So ein weiterer toller historischer Bibliothekssaal, der in der gleichen Zeit erbaut wurde (aber nicht im Stil des Barock) ist zum Beispiel der „Long Room“ des Trinity College Dublin, den ich vor – oh je – dreizehn Jahren besichtigen konnte.

St. Gallen Kloster 5Im Anschluss an die Führung besuchten wir noch die Ausstellung im Lapidarium und sahen uns die Stiftskirche St. Gallus und Otmar von innen an. Sie erhielt ihre jetzige Form zwischen 1755 und 1766 und ist eines der letzten großen sakralen Bauwerke des Spätbarocks.

Den Abschluss unseres „St. Gallen – Tages“ bildete ein Rundgang durch die schöne Altstadt.
St. Gallen hat viele Facetten und ist auf jeden Fall einen Besuch wert, ob nun als Tagesausflug oder mehrtägiger Kurzurlaub. Es gibt auch neben der Bibliothek viel zu entdecken.

 

St. Gallen 6St. Gallen 5Hier gibt es für dich, wie immer, die Liste mit den wichtigsten Links für den St. Gallen – Besuch

Stiftsbibliothek St. Gallen

Weltkulturerbe Stiftsbezirk St. Gallen

St. Gallen - Geigen

Stiftskirche Bistum St. Gallen

Schweizerische UNESCO-Kommission Welterbe

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