Meine erste Interrail-Tour

Heute möchte ich euch ein bisschen „off topic“ von meiner ersten Interrail-Tour durch England und Irland aus dem Jahr 2002 erzählen. Janett vom Blog „Teilzeitreisender“ hat zur Blogparade „Zurück in die Vergangenheit – #TZR600“ aufgerufen, und als ich ihren Blogartikel dazu gelesen habe, wusste ich sofort, was sie meint und was ich dazu schreiben könnte. Um trotzdem meinem Hauptthema „Reiseziel Welterbe“ treu zu bleiben, verschönere ich euch den Bericht u.a. mit den „Retro“-Fotos aller Welterbestätten, die ich auf dieser Tour gesehen habe. Und nun wünsche ich euch viel Spaß in meiner Vergangenheit!

So eine Interrail-Tour ist schon ein kleines Abenteuer; auch rückblickend betrachtet. Ich habe wunderbare Situationen erlebt, viele hilfsbereite, freundliche Menschen getroffen und obwohl so einiges schief gelaufen ist, ist doch immer alles gut ausgegangen. Von einigen Begebenheiten möchte ich euch hier berichten. Aber von Anfang an…

KartenausschnittNach monatelanger akribischer Planung von Route und Ausrüstung standen wir morgens mit unseren riesigen Rucksäcken am Düsseldorfer Flughafen. Die erste Premiere dieser Reise was der Flug, und ich gebe zu, ich hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch. Dass meine Begleitung unter leichter Flugangst litt, machte die Situation nicht viel besser. Doch als das Flugzeug endlich anrolle und wir beim Start in den Sitz gedrückt wurden, überwogen Adrenalin und Euphorie, die Angst war vergessen. Auch heute noch mag ich das Starten beim Fliegen am liebsten.

Das anfängliche Glücksgefühl litt schon am ersten Tag ziemlich unter dem schweren Backpack, den ich alleine kaum aufsetzen konnte. Heute würde ich nicht mal die Hälfte von dem Zeug mitnehmen, dass ich dort mehrere Wochen über die gesamte Insel geschleppt habe, aber wir wollten ja für jede erdenkliche Situation gerüstet sein. Auch unsere Annahme, dass es sicher in jedem englischen Bahnhof große Schließfächer oder eine Gepäckaufbewahrung geben würde, wo wir unsere Rucksäcke abgeben konnten wurde schnell enttäuscht. Aber es gab kein Zurück mehr.

Tower Bridge London
Tower Bridge London

Unsere Route führte uns zuerst an der schönen Südküste entlang, von London über Portsmouth nach Salisbury und weiter über Exeter nach Penzance. Von Portsmouth ist mir der historische Hafen mit Nelsons Flaggschiff „Victory“ noch gut im Gedächtnis geblieben. Von Salisbury aus sind wir natürlich auch nach Stonehenge gefahren, der ersten Welterbestätte auf unserer Tour, obwohl ich damals noch gar nicht wusste, dass es so etwas wie Welterbestätten überhaupt gibt. So wie mit Stonehenge ist es mir schon mit einigen Sehenswürdigkeiten (z.B. Brandenburger Tor, Campanile in Pisa) gegangen – ich hatte es mir größer vorgestellt. Außerdem lag der Steinkreis direkt an einer vielbefahrenen Straße und war von Touristen (wir waren ja selbst auch da) völlig überlaufen– von mystischer Stimmung keine Spur.

Stonehenge
Stonehenge, Teil der Welterbestätte „Stonehenge, Avebury and associated Sites“, die 1986 in dieWelterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde.

Penzance war eines der Highlights der Tour: Strand, Sonne und mediterrane Vegetation lassen einen dort glatt vergessen, dass man sich in England befindet. Wir haben mit dem Herbergsvater einen tollen Ausflug zum Sonnenuntergang nach Land‘s End gemacht (nicht in den Vergnügungspark). In Cornwall wäre ich auch gerne länger geblieben, aber wir hatten uns ja ein Programm vorgenommen, mit dem wir möglichst viel sehen sollten.

Unsere Route führte uns weiter über Bristol und Cardiff nach Fishguard, von wo aus wir nach Irland übersetzten. Cardiff (im walisischen Caerdydd), die Hauptstadt von Wales, ist eine wunderschöne Stadt, die ich dringend mal wieder besuchen sollte. Ich mag sowieso Städte, die direkt am Wasser liegen, wahrscheinlich weil ich das Meer so gerne mag. Auch Cardiff Castle, mit seinen unterschiedlichen Bauabschnitten, die von der Römer- bis zur Neuzeit reichen, ist sehenswert. Von Fishguard aus setzten wir mit der Fähre nach Rosslare im Südosten von Irland über.

Unsere kleine Runde durch Irland ging von Rosslare über Cork nach Killarney und von Tralee über Limerick nach Dublin. In dieser Zeit habe ich nur nette, freundliche und hilfsbereite Iren kennengelernt. Es gibt sicherlich auch andere, aber diese lockere Art, auf Fremde zuzugehen und Hilfe anzubieten, hat mich nachhaltig beeindruckt:

In Rosslare wollten wir abends noch etwas spazieren gehen. Hin am Strand, zurück weiter oben. Doch der Weg führte immer weiter vom Ort weg und es wurde schon dunkel. Wir hielten ein Auto an, um nach dem Weg zu fragen und wurden ohne viel Aufhebens eingepackt und zurück zur Jugendherberge gefahren. In Cork baten wir den Busfahrer uns rechtzeitig Bescheid zu sagen, an welcher Haltestelle wir für das Hostel aussteigen müssen. Auf einmal hielt er an, ohne dass eine Haltestelle zu sehen war und sagte uns, dass wir hier raus müssten – er hatte einfach direkt vor dem Hostel angehalten. In Killarney waren wir mit Fahrrädern unterwegs und hatten einen „Platten“, aber wir trafen einen jungen Mann, der uns mal eben so das Rad repariert hat. Ich könnte noch eine ganze Seite so weiter machen. Seitdem bin ich von Irland und seinen Einwohnern begeistert.Auch die Briten habe ich als äußerst höflich und hilfsbereit kennengelernt.

Von Killarney aus haben wir bei schönstem Sonnenschein den Ring of Kerry erkundet, eine landschaftlich wirklich zauberhafte Ecke, die für mich auf Irland bezogen nur noch von den Cliffs of Moher übertroffen wird (wo wir während einer anderen Tour mal eine ziemlich waghalsige Wanderung gemacht haben…).

In Dublin haben wir eher das Stadtleben genossen: An der O‘Connel Street entlanglaufen und das General Post Office besichtigen, das zum Symbol für den „Easter Rising“-Aufstand der Iren wurde, das erste Mal richtig indisch Essen gehen und natürlich in Tempel Bar ein paar Pubs besuchen. Besonders schön fand ich im Trinity College den Bibliothekssaal „Long Room“ und die Ausstellung zum „Book of Kells“, die man auch heute noch besichtigen kann.

Die Überfahrt über die irische See von Dublin nach Liverpool war ziemlich rau. Solange ich etwas im Magen habe, werde ich nicht seekrank – zum Glück verfügte diese Fähre über ein Burger-Restaurant. Und während wir genüsslich futterten, bekam der Seegang vielen anderen Passagieren deutlich schlechter.

Der historische Hafenbezirk von Liverpool, der im Jahr 2004 den Status einer Welterbestätte erhielt, steht seit 2012 auf der Roten Liste der bedrohten Welterbestätten, da durch Bauvorhaben und mangelnde Instandhaltung der historischen Gebäude, das Gesamtbild des Hafenbezirks gefährdet ist.

Von Liverpool aus ging es nach Edinburgh. Es war schon recht spät und ich erinnere mich noch genau an das schon erleuchtete Edinburgh Castle, das auf seinem Fels über der Stadt thront. Ein Anblick der mich auch heute noch fasziniert. Wir kamen am Tag nach dem Abschluss des großen Tattoo in der Stadt an und überall spielen noch Musiker in kleinen Gruppen auf der Straße. Es herrschte einen sehr freudige Atmosphäre. Insgesamt ist Edinburgh, die Stadt am Firth, immer eine Reise wert, ich war erst kürzlich wieder dort. Deshalb wird es auch bald einen eigenen Edinburgh-Artikel hier im Blog geben.

Edinburgh Castle, Teilder Welterbestätte "Altstadt und Neustadt von Edinburgh" (1995)
Edinburgh Castle, Teil der Welterbestätte „Altstadt und Neustadt von Edinburgh“ (1995)

Edinburgh markierte schon fast den Schluss unserer Tour, die uns nur noch über kleine Zwischenstopps in York und Oxford zurück nach London führte.

Westminster Abbey
Westminster Abbey

In London und direkter Umgebung gibt es natürlich unheimlich viel zu sehen und zum Glück gibt es die U-Bahn, die einen schnell überall hinbringt. Vor unserem London-Besuch bin ich noch nie richtig U-Bahn gefahren und ich habe es geliebt. Ein bisschen unheimlich war nur, dass an unserer Haltestelle, die direkt an der Themse lag, immer Wasser an den Wänden herunter lief.

Palace of Westminster, auch bekannt als Houses of Parliament gehört zur Welterbestätte "Westminster Abbey, Palace of Westminster und St Margaret’s Church" (1987).
Palace of Westminster, auch bekannt als Houses of Parliament gehört zur Welterbestätte „Westminster Abbey, Palace of Westminster und St Margaret’s Church“ (1987).
Tower of London, UNESCO Weltkulturerbe seit 1988
Tower of London, UNESCO Weltkulturerbe seit 1988

Palace of Westminster, Buckingham Palace, Wachwechsel, Tower, Themserundfahrt, einmal in einem roten Doppeldeckerbus oben sitzen…all die schönen Dinge die man in London machen kann, haben wir auch ausprobiert. Wir haben „Fame“ am Westend angesehen und sind nach Greenwich gefahren, um auf dem Nullmeridian zu stehen.

Grennwich
Greenwich Park mit Queen`s House, im Hintergrund das Royal Naval College (Greenwich ist seit 1997 Welterbestätte)

Einmal hat uns morgens vor dem Aufstehen der Feueralarm aus der Jugendherberge flüchten lassen – zum Glück ein Fehlalarm, wie die mit mehreren Löschzügen anrückende Feuerwehr feststellte. Eine junge Dame hatte so ausgiebig heiß geduscht, dass die Schwaden den optischen Rauchmelder im angrenzenden Zimmer ausgelöst hatten. Doch ein echtes Feuer behinderte unsere Rückreise. An dem Morgen, als wir zum Flughafen mussten, gab es ein Feuer im Bahnhof Kings Cross und der U-Bahn-Verkehr fiel auf der Linie, die wir nehmen wollten, für ein oder zwei Stunden aus. Wir nahmen einen Umweg in Kauf und versuchten, obwohl wir schon knapp in der Zeit waren, doch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Flughafen zu kommen, anstatt ein Taxi zu nehmen. Das ging dann leider auch schief und der Flieger hob ohne uns ab. Ziemlich gestresst (meine Begleitung) und verheult (ich) kamen wir beim Schalter von British Airways an. Doch die freundlichen Mitarbeiter hatten ein Herz für verzweifelte Backpacker und haben uns kommentarlos und ohne Aufpreis auf den nächsten Flug umgebucht. Ich hätte sie küssen können. Und so nahm mein erstes Interrail-Abenteuer dann doch noch ein gutes Ende.

Ich würde heute mit 15 Jahren mehr Reiseerfahrung vieles anders machen, doch diese Interrailtour, an die ich mich gerne erinnere, war mit allen Höhen und Tiefen ein so tolles Erlebnis, gerade weil wir keine Ahnung hatten, worauf wir uns da einließen.

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